Sprotten, nicht aus Kiel

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Hunger, Schlafentzug und Alkohol sind die süßesten Drogen des Lebens. Immer auf der Suche nach dem nächsten Kick wandern wir von Welt zu Welt und doch bleiben wir immer, wer wir waren: kleine Sprotten im Fluss der Geschichte. Sprotten haben an Land nichts zu suchen.

"Bist du Koch?"
"Ich war bis Juni einer"

Die Musik ist laut, man hört einander kaum. Nur das Zusammenspiel von Gestik und Mimik ergeben Inhalt. Ich treffe Sie zum ersten mal. Sie erzählt von Sechzig-Stunden-Wochen, von der Konkurrenz in der Küche. Von Stress, Schweiß und Blut. Ich mochte das immer.

Menschen unter Stress sind jämmerlich. Sie wollen am wenigsten schlafen, am wenigsten essen und am meisten saufen. Sie suchen den kurzweiligen Tod, bis ihr Körper die Macht übernimmt und sie 16 Stunden schlafen lässt.

"Was machst du jetzt?"
"Ich bin Webdesigner."
"Boah. Krass. Hast du jetzt eine Vierzig-Stunden-Woche?"
"Nein."
"Wie lang arbeitest du jetzt?"
"Ich weiß nicht genau. Jeden Tag."

Wer arbeitet mehr? Wer leidet mehr? Wer ist schneller tot? Der Bass wird zum phonetischen Herzschlag. Wir reden lange nicht. Ich habe den Kampf gewonnen, mir gehört jetzt der Pokal. Der ist voll mit toten Sprotten.

"Was willst du später machen?"
"Wie?"
"Was machst du in zwei Jahren?"
"Ich weiß noch nicht, auf jeden Fall will ich ins Ausland."
"Wohin?"
"Ein Bekannter von mir arbeitet in einem Hotel in Südafrika."
"Du willst nach Südafrika."
"Ja."

Der Pokal gehört ihr. Damit sucht sie die Ferne. Möglichst weit weg, um neu zu leiden und zu jammern. Der Tod empfängt dich überall. Er spricht nicht viel, aber er hält seine Versprechen.

Eine Sprotte schafft es bis hinter den Strand und stirbt.